Die Neuvermessung des Gehirns

‚Sprachliche Fähigkeiten sind in der linken Hirnhälfte zu verordnen.‘ Diese Aussage haben Generationen von Schülern und Studenten verinnerlicht. Eine neue Studie zeigt nun: Sprache kann auch in der rechten Hirnhälfte beheimatet sein.

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Auch wenn manchmal ein anderer Eindruck entsteht: Wir wissen erschreckend wenig über unseren Denkapparat. Auch das Wissen, das wir meinen zu besitzen, ist nicht immer eindeutig, wie eine neue Studie nun zeigt. Konkret geht es um die Frage, wo im Gehirn die Sprachverarbeitung stattfindet. Bisher wurde eine recht eindeutige Arbeitsteilung im Gehirn vermutet: Gesprochene Sprache werde demnach in beiden Gehirnhälften auf unterschiedliche Art und Weise verarbeitet. In der linken Hirnhälfte findet die Entschlüsselung der sachlichen Informationen statt. Dabei handelt es sich um Informationen, die beispielsweise auch beim Lesen von Texten verarbeitet werden und die unabhängig von Eigenschaften wie Rhythmus, Klangfarbe und Melodie sind.

Links Informationen, rechts Melodie

So verarbeitet das Gehirn SpracheIn der rechten Hirnhälfte wiederum fände die Verarbeitung von Sprache hinsichtlich Rhythmus, Klangfarbe und Melodie statt. Gemeinsam kommen beide Hälften so zu einer sinnvollen Interpretation von gesprochener Sprache. Eine neue Studie am Bochumer Institut für Kognitive Neurowissenschaft hat nun untersucht, ob diese Zweiteilung pauschal stimmt, oder ob sie eine Folge bestimmter physikalischer Eigenschaften (Rhythmus, Klangfarbe, Melodie etc.) der meisten gesprochenen Sprachen ist. Konkret stand die Frage im Zentrum, ob die inhaltliche Interpretation tatsächlich immer in der linken Gehirnhälfte stattfindet. Eine alternative Erklärung ist, dass physikalische Eigenschaften von Sprache darüber entscheiden, ob beziehungsweise welche Aspekte von Sprache in welchen Hirnregionen verarbeitet werden.

Türkisches Bergdorf bringt die Erleuchtung

Die angesprochene Forschungsfrage wäre für immer eine theoretische Frage geblieben, gäbe es nicht ein türkisches Bergdorf, das sich einer besonderen Sprache bedient. Dadurch, dass die Bewohner oftmals weit voneinander entfernt wohnen und aufgrund der Berglage der Gang zum Nachbarn nicht gerade ein gemütlicher Spaziergang ist, haben die Bewohner eine spezielle Pfeifsprache entwickelt, mit der sie über große Entfernungen kommunizieren können. Die Pfeifsprache basiert auf der türkischen Sprache und erlaubt es differenzierte Inhalte zu kommunizieren. Im Video am Ende des Textes erhalten Sie einen Eindruck über die Sprache des Bergdorfes. Sobald sich die Bewohner jedoch einander nähern, reden sie normales Türkisch.

Schatzgrube für Wissenschaftler

Beeinflusst die Art der Sprache den Ort der Verarbeitung?Die Existenz dieser Sprache ist eine Schatzgrube für die Wissenschaftler. Dadurch dass die Sprache zwar inhaltlich die gleichen Informationen beinhaltet wie konventionelle Sprachen, sich physikalisch jedoch fundamental unterscheidet, dient sie als perfekte Kontrolle für die beiden konkurrierenden Theorien über die Verarbeitung von Sprache.
Reduziert sich die Beteiligung der linken Gehirnhälften folglich, wenn Menschen eine Sprache verarbeiten, für deren physikalische Gegebenheiten die rechte Gehirnhälfte spezialisiert ist? Für die Studie wurde in den Gehirnen der türkischen Bergdorfbewohner gemessen, inwiefern sich die Beteiligung der beiden Gehirnhälften je nach Sprache (konventionelle Sprache vs. Pfeifsprache) unterscheiden. Zu diesem Zweck erhielten die Studienteilnehmer die inhaltlich identische Information in konventioneller und Pfeifsprache.

Bisherige Theorie gerät ins Wanken

Sprachliche Informationen können auch rechts verarbeitet werdenDie Ergebnisse zeigen deutlich, dass bei der Verarbeitung von Informationen, die in einer Pfeifsprache kommuniziert werden, die linke Gehirnhälfte weniger Aktivität zeigt als bei der Verarbeitung von Informationen, die in einer konventionellen Sprache kommuniziert werden. Die Ergebnisse lassen die bisherige Annahme der strengen Arbeitsteilung der beiden Gehirnhälften ins Wanken geraten. Vielmehr legen die Ergebnisse die Vermutung nahe, dass es physikalische Gegebenheiten sind, die darüber entscheiden, in welcher Region des Gehirns Sprache verarbeitet wird.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das bisherige Verständnis der Verarbeitung von sprachlichen Informationen vermutlich eine ungerechtfertigte Verallgemeinerung darstellt. Da die meisten Sprachen bestimmte physikalische Gegebenheiten teilen, die wiederum vermehrt in der linken Gehirnhälfte verarbeitet werden, wurde der Rückschluss gezogen, dass der informative Inhalt von Sprache generell in der linken Gehirnhälfte verarbeitet wird. Die neue Forschung zeigt nun, dass bei anderen physikalischen Gegebenheiten die informative Verarbeitung durchaus stärker in der rechten Gehirnhälfte stattfinden kann.

Video: Demonstration der Pfeifsprache, derer sich Bewohner eines türkischen Bergdorfes bedienen.

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