Oxytocin – Wunderhormon oder übertriebenes Versprechen?

"Molekül der Moral", "Kuschelhormon" und "Treuehormon" - Das Hormon Oxytocin besitzt viele Namen. Offensichtlich hat es Einfluss darauf, wie wir uns anderen Menschen gegenüber verhalten. Doch ist nicht alles Gold, was glänzt.

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In den letzten Jahren mischte ein Hormon die Bildungsteile in Zeitungen, Magazinen und Wissenssendungen auf. Sein offizieller Name ist Oxytocin, doch die Presse vermenschlichte das Hormon und gab ihm so sympathisch klingende Namen wie Kuschel- und Treuehormon oder Molekül der Moral. Seinen Siegeszug durch die internationale Forschungsgemeinschaft trat das Hormon im Jahre 2005 an. [1] Damals erschien eine Studie im renommierten Wissenschaftsmagazin Nature. In der Studie ließen die Wissenschaftler die Studienteilnehmer das sogenannte Vertrauensspiel spielen (nicht zu verwechseln mit dem Diktatorenspiel). Dieses Spiel wird in der Forschung oftmals eingesetzt, um zu erfassen, wie viel Vertrauen eine Person einer ihr unbekannten Person entgegenbringt. In dem Spiel geht es darum, einer fremden Person Geld zu geben, in der Hoffnung, dass das Geld dadurch vermehrt wird und Sympathie durch Nasensprayman am Ende mehr zurückbekommt, als man anfänglich gegeben hat. Doch hat man keine Kontrolle, was die andere Person mit dem Geld anstellt. Das einer Person entgegengebrachte Vertrauen kann folglich auch ausgenutzt werden. Je höher der Betrag, dem man einer anderen Person gibt, als desto vertrauensseliger gilt die Geld gebende Person. Das Besondere an der Studie war, dass eine Gruppe der Studienteilnehmer über ein Nasenspray Oxytocin verabreicht bekam. Wie würde sich das Spray auf das Spielverhalten auswirken? Die Ergebnisse zeigten, dass die Oxytocin-Gruppe ihrem Gegenüber im Durchschnitt deutlich mehr Vertrauen (und Geld) schenkte als die Gruppe, der kein Oxytocin verabreicht wurde.

Welche Rolle spielt Oxytocin im menschlichen Körper?

Wichtig zu verstehen ist, wie Wissenschaftler überhaupt auf die Idee kamen, dass Oxytocin das Verhalten anderen Menschen gegenüber beeinflussen kann. Oxytocin ist ein Hormon, das der menschliche Körper in Situationen produziert, in denen sich zwei Menschen sehr nahekommen. Beispielsweise wird Oxytocin ausgeschüttet, wenn eine Mutter ihr Kind stillt. Insofern lag die Vermutung auf der Hand: Schafft man es, das Hormon künstlich herzustellen und Menschen zu verabreichen, so könnte dies dazu führen, dass Menschen mehr Nähe zulassen.

Oxytocin als Beziehungsretter

Schaut eine Person freundlich oder grimmig?Ein gemeines Experiment ließen sich Heidelberger Wissenschaftler einfallen. Sie bestellten Wissenschaftler ins Labor ein und ließen die Paare über ein aktuelles Streitthema diskutieren. [2] Auch hier erhielt eine Gruppe Studienteilnehmer eine Prise Oxytocin. Erneut zeigte das Hormon eine überaus sympathische Wirkung. Die Oxytocin-Gruppe diskutierte konstruktiver und war liebevoller im Umgang miteinander.
Mögen diese Experimente auch interessant sein, so stellt sich dennoch die Frage, wie Menschen von Oxytocin tatsächlich profitieren können. Zu diesem Zweck wurde ein Experiment an der Uniklinik Bonn durchgeführt. [3] Die Gehirnaktivität von Studienteilnehmern wurde gemessen, während sie entweder neutral oder ängstlich schauende Gesichter sahen. In der Regel reagieren Menschen selbst mit Angst, wenn sie ängstliche Gesichter sehen.

Weniger Aktivität in der Amygdala

Die Amygdala - der sogenannte Mandelkern - ist eine Hirnstruktur im für die emotionale Bewertung der Umwelt verantwortlichen limbischen System. Da diese bei Angstreaktionen stark reagiert, wurde ihre Aktivität gemessen. Wiederum erhielt eine Gruppe Studienteilnehmer Oxytocin. Die Ergebnisse zeigten, dass durch Oxytocin ängstlich blickende Menschen als weniger bedrohlich wahrgenommen wurden. In diesem Ergebnis steckt das Potenzial, Menschen, die unter Angststörungen leiden, künftig besser helfen zu können. Menschen mit Angsterkrankungen haben beispielsweise panische Angst, sich in die Öffentlichkeit oder in Situationen zu begeben, in denen sie von anderen Menschen beurteilt werden könnten. Bisher ist die medikamentöse Behandlung nicht zufriedenstellend. Daher besteht die Hoffnung, zukünftig die Angst durch eine Prise Oxytocin zu lindern.

Nicht alles Gold, was glänzt.

Durch Oxytocin werden andere Gruppen abgewertet Bei aller nachvollziehbaren Euphorie, was das Potenzial von Oxytocin angeht, sollten auch kritische Ergebnisse Beachtung finden. Der niederländische Wissenschaftler Carsten De Dreu konnte in seinen Forschungen beispielsweise demonstrieren, dass Oxytocin zwar tatsächlich zu einem offeneren und vertrauensvolleren Umgang führt – allerdings nur, wenn eine Person zur eigenen Gruppe gehört. [4] Gruppenzugehörigkeit kann zum Beispiel bedeuten, Fan einer Fußballmannschaft, Schüler einer bestimmten Klasse oder Staatsangehöriger eines bestimmten Landes zu sein. Während also Mitglieder der eigenen Gruppe unter Oxytocineinfluss freundlicher gegenübergetreten wird, werden Mitglieder anderer Gruppen systematisch abgewertet. Ein sehr hoher Oxytocin-Spiegel könnte insofern Phänomene wie Rassismus begünstigen.

Zusammenfassung: Potenzial mit Risiken

Wie es scheint, ist Oxytocin ein mächtiges Mittel, um zwischenmenschliches Verhalten zu beeinflussen. Wie jede Art der Einflussnahme kann Oxytocin sowohl Gutes als auch Schlechtes bewirken. Bevor Oxytocin als Sympathie-Spray in die Apotheken kommt, sollten folglich noch detaillierte Analysen hinsichtlich der Risiken und Nebenwirkungen durchgeführt werden.

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Quellen:

1: Kosfeld, M., Heinrichs, M., Zak, P. J., Fischbacher, U., & Fehr, E. (2005). Oxytocin increases trust in humans. Nature, 435, 673-676.
2: Ditzen, B., Schaer, M., Gabriel, B., Bodenmann, G., Ehlert, U., & Heinrichs, M., (2009). Intranasal oxytocin increases positive communication and reduces cortisol levels during couple conflict. Biological Psychiatry, 65(9), 728-731.
3: Eckstein, M., Becker, B., Scheele, D., Scholz, C., Preckel, K., Schlaepfer, T.E., Grinevich, V., Kendrick, K. M., Maier, W., & Hurlemann (2015). Oxytocin Facilitates the Extinction of Conditioned Fear in Humans. 78(3), 194-202.
4: Shalvi, S., & De Dreu, C. K. W. (2015). Oxytocin promotes group-serving dishonesty. PANAS, 111 (15), 5503-5507.

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