Wie umgehen mit Demenz bei Angehörigen?

Wenn bei einem Angehörigen die geistigen Leistungen schwinden, stehen Familien und Ärzte vor einem Dilemma. Soll das Thema Demenz offen angesprochen werden oder ist Schweigen Gold?

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Laut der Deutschen Alzheimer Gesellschaft erkranken jedes Jahr in Deutschland 300.000 Menschen neu an Alzheimer, der häufigsten Form von Demenz. Eine Demenz ist oftmals ein schleichender Prozess, die geistige Leistungsfähigkeit nimmt langsam aber sicher ab. Die Veränderungen bleiben der Familie und den Bekannten nicht lange verborgen. Zu der eigentlichen Krankheit gesellt sich nicht selten die Scham. Wie umgehen mit der Situation? Sollen die Betroffenen auf ihre Gedächtnislücken angesprochen und mit der Möglichkeit konfrontiert werden, an Demenz erkrankt zu sein, oder soll der Schein durch einen Mantel des Schweigens gewahrt werden. Nachdem auch durch die besten Medikamente das Fortschreiten der Krankheit nur unwesentlich verlangsamt werden kann, ist zumindest keine Eile im Handeln erforderlich. Zwar gibt es bestimmte Verhaltensweisen, die den geistigen Abbau verlangsamen können, doch sind diese Verhaltensänderungen vor allem dann erfolgreich, wenn es sich um eine Vorstufe der Demenz handelt.
Nicht nur Angehörige, Freunde und Bekannte werden vor die Frage nach dem Umgang mit der Krankheit gestellt, Hausärzte stehen vor dem gleichen Dilemma. Nicht selten kennen sie einen Patienten bereits seit mehreren Jahrzehnten.

Studie zeigt: Schweigen ist sehr verbreitet

Das Gedächtnis löst sich aufWie sieht es in der Praxis aus, ist Ehrlichkeit oder Schweigen üblich? Das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) hat zu diesem Zweck eine Untersuchung in den Praxen von Hausärzten durchgeführt. Die Wissenschaftler des DZNE untersuchten zu diesem Zweck knapp 7000 Patienten im Alter von über 70 Jahren in 131 Hausarztpraxen [1]. Die Wissenschaftler gaben den Patienten einen kurzen Test vor, der einen guten Überblick über den geistigen Zustand erlaubt. Ein schlechtes Abschneiden im Test deutet auf eine Demenz hin. Des Weiteren glichen die Wissenschaftler die Testergebnisse mit den Patientenakten ab. Auf diese Art konnte gesehen werden, ob (vermutlich) demente Patienten auch dementsprechend diagnostiziert wurden.

Differenz zwischen Testergebnissen und Patientenakten

Von den knapp 7000 untersuchten Patienten erzielten 1200 Patienten Werte, die auf eine Demenz hinweisen. Der Abgleich mit den Patientenakten ergab, dass bei lediglich 40% dieser Patienten zuvor eine Demenz diagnostiziert wurde. Mit anderen Worten: Vermutlich ist die tatsächliche Zahl der an Demenz erkrankten Menschen mehr als doppelt so hoch, wie offizielle Zahlen vermuten lassen.

Argument für die Ehrlichkeit

GedächtnislückenZwar lässt sich die Verlauf der Krankheit in der Tat nur sehr bedingt aufhalten, das heißt aber nicht, dass jede Demenz gleich verläuft. So betonen die Wissenschaftler des DZNE, dass Personen, bei denen eine Demenz diagnostiziert wird, weniger und kürzere Krankenhausaufenthalte aufweisen als Demenzpatienten ohne Diagnose. Das ist insofern von großer Bedeutung, als Krankenhausaufenthalte das Fortschreiten einer Demenz beschleunigen.

Ehrlichkeit ist heilsam für Beziehungen

Doch auch die Beziehung zu den Betroffenen profitiert meist von Ehrlichkeit. Solange Unklarheit herrscht, ist das Verhalten Betroffener nicht korrekt zu deuten. Hat der Ehemann den Geburtstag seiner Frau vergessen, weil sie ihm egal ist, oder kann er sich schlicht nicht mehr erinnern? Ist ein plötzlicher Wutanfall ein Zeichen von Hass auf den Partner oder eine normale Begleiterscheinung der Erkrankung. Auch die Scham der Betroffenen über ihr eigenes Verhalten löst sich oftmals, wenn die Diagnose offen ausgesprochen wird.

Fazit: Ehrlich währt am längsten

Der Schlüssel zur EinnerungNatürlich ist Abwägung zwischen Ehrlichkeit und wohlmeinendem Schweigen keine leichte. Doch lohnt sich die Frage, ob das Schweigen wirklich im Interesse des Betroffenen ist oder ihm viel mehr einen Bärendienst erweist.  

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