Die Kunst des vernünftigen Denkens

„Welch ein Meisterwerk ist der Mensch! Wie edel durch Vernunft! Wie unbegrenzt an Fähigkeiten! In Gestalt und Bewegung wie bedeutend und wunderwürdig! Im Handeln wie ähnlich einem Engel! Im Begreifen wie ähnlich einem Gott“ 

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Shakespeare hat in seinem Hamlet ein äußerst positives Bild des menschlichen Verstandes gezeichnet. Der Dichter befindet sich mit der Beschreibung des Menschen, als vernünftig handelnden Wesens, in bester Gesellschaft. Noch heute gehen viele Wirtschaftswissenschaftler davon aus, dass wir Menschen stets vernünftig und rational handeln. In den letzten Jahrzehnten hat diese Annahme aber erhebliche Risse erhalten. Der Psychologe Daniel Kahnemann wurde im Jahre 2002 mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet, da er beweisen konnte, dass wir Menschen oftmals nicht rational handeln, sondern viel Geld durch irrationale Entscheidungen verlieren [1; 2].

Denkfehler, die uns Geld kosten

Daniel Kahnemann geht in seinen Forschungen davon aus, dass wir Menschen viele Faustregeln, sogenannte Heuristiken, verwenden, um uns das Leben einfacher zu machen. So bequem es auch sein mag, auf diese Heuristiken zurückzugreifen, so teuer können sie uns zu stehen kommen. Die psychologische Forschung hat drei besonders gravierende Denkfehler aufgedeckt:

Verfügbarkeitsheuristik

Abwägungen mit ungewissem ErgebnisUns Menschen fällt es schwer, Wahrscheinlichkeiten abzuschätzen. Anstelle eine gründliche Überlegung über das Auftreten bestimmter Ereignisse anzustellen, ziehen wir einen Rückschluss: Je einfacher es ist, eine Information aus unserer Erinnerung abzurufen, desto häufiger tritt sie auf. Folglich halten wir Erinnerungen, die einfach abrufbar sind, für wahrscheinlich. Diese Erkenntnis hat weitreichende Konsequenzen, wie anhand folgenden Beispiels deutlich wird. Regelmäßig wird Mitteleuropa von zerstörerischen Fluten heimgesucht, die große Schäden anrichten. Stellen Sie sich nun vor, sie müssten ein paar Wochen nach solch einer Flut eine Versicherung für Ihr Haus oder Ihre Wohnung abschließen. Wenn Sie sodann über eine Hochwasser-Versicherung nachdenken, schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit, dass Sie von Hochwasser betroffen sein könnten, vermutlich zu hoch ein.

Verknappungsheuristik

VerknappungsheuristikWir Menschen besitzen bestimmte Vorstellungen, wie Angebot und Nachfrage zusammenhängen. Beispielsweise denken wir, dass Güter, die selten sind, auch wertvoll sind, und umgekehrt. In der Regel stimmt dieser Zusammenhang. Da wir diesen Zusammenhang jedoch verinnerlicht haben, reicht es aus, uns das Gefühl zu vermitteln, dass ein Produkt nur selten vorkommt, um unsere Bereitschaft dieses Produkt zu kaufen, zu erhöhen. Dieses Wissen machen sich viele Verkäufer zunutze. So wird häufig darauf verwiesen, dass ein Produkt äußerst beliebt ist und bald ausverkauft sein wird. Verwand mit der Verknappungsheuristik ist die Preis-Qualitäts-Illusion. Wir denken, dass ein Produkt, das teuer ist, auch häufig nachgefragt wird, was wiederum dafür spricht, dass die Qualität hoch sein muss. Regelmäßig können wir in den Magazinen der Stiftung Warentest jedoch sehen, dass der Zusammenhang zwischen Preis und Qualität nur sehr gering ist.

Prospect Theory

Prospect TheoryDiese Theorie stellt eine der schwerwiegendsten Verstöße gegen die traditionelle ökonomische Lehre dar. Die Ökonomie geht davon aus, dass der Preis eines Gutes auch der tatsächliche Wert ist. Die psychologische Ökonomie konnte hingegen zeigen, dass ein Unterschied zwischen objektivem Preis und subjektivem Wert besteht. Zudem konnte der Nobelpreisträger Daniel Kahnemann in seinen Experimenten zeigen, dass der subjektive positive Wert von einem positiven Betrag x geringer ausfällt, als der subjektive negative Wert von einem negativen Betrag - x. Konkret bedeutet dies, dass die Aussicht 100 Euro zu gewinnen, weniger glücklich stimmt, als die Aussicht 100 Euro zu verlieren, unglücklich stimmt. Unsere Angst vor einem Verlust ist folglich übertrieben hoch.
Da dem so ist, tendieren wir dazu, Versicherungen zu kaufen, die wir eigentlich gar nicht bräuchten. Sehr häufig werden beispielsweise Versicherungen für Smartphones oder Computer angeboten. Rational betrachtet, ist es wenig sinnvoll, eine Versicherung für ein Produkt mit relativ niedrigem Wert abzuschließen. Am meisten profitiert von einer Versicherung der Versicherer und nicht der Versicherte. Bevor wir also eine Versicherung abschließen, sollten wir uns immer fragen, wie schlimm der Verlust tatsächlich wäre, welche Schäden übernommen werden und wie hoch die Wahrscheinlichkeit eines Schadens ist.

Renaissance der Heuristiken

Nachdem nun einige Jahre lang Heuristiken heftiger Kritik ausgesetzt waren, gibt es mittlerweile einen Trend, die positiven Eigenschaften dieser Heuristiken zu betonen. Vor allem der deutsche Psychologe Gerd Gigerenzer zeigt in seinen Forschungen, dass Heuristiken im Großen und Ganzen äußerst wichtig sind, da sie unser Leben erheblich vereinfachen. Dies schließt jedoch nicht aus, dass wir so manchen Euro sparen können, wenn wir uns der Schwächen unserer Heuristiken bewusst sind.

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Quellen:

1: Kahneman, D., & Tversky, A. (1979). Prospect Theory: An Analysis of Decision under Risk. Econometrica, 47(2), 263-291.

2: Kahneman, D., Slovic, P., & Tversky, A. (1982) Judgment Under Uncertainty: Heuristics and Biases. New York: Cambridge University Press.

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