Ein unterschätzter Sinn: Berührungen

Noch bevor Menschen hören oder sehen können, spüren sie Berührungen. Sie spielen für die seelische und körperliche Gesundheit eine entscheidende Rolle. Wieso wir im Alltag mehr körperliche Nähe zulassen sollten.

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Hörgeräte helfen gegen Schwerhörigkeit und Brillen gegen Sehschwäche. All diese Hilfsmittel unterstützen wichtige menschliche Sinne. Unseren Sinnen kommt eine außerordentlich große Bedeutung zu, da sie uns eine Vorstellung von unserer Umwelt ermöglichen. Der Gesichtsausdruck des Gegenübers, das Ertönen des Martinshorns oder der Geruch von Rauch in der Wohnung – ohne unsere Sinne wären wir unserer Umwelt schutzlos ausgeliefert.

Die emotionale Bedeutung des Tastsinns

Neben diesen unbestreitbar unerlässlichen Sinnen, besitzen wir einen oftmals unterschätzen Sinn: Den Tastsinn. Er ermöglicht es uns, Berührungen auf unserer Haut wahrzunehmen. Natürlich erfüllt auch der Tastsinn viele nützliche Eigenschaften, ohne ihn könnten wir kein Messer halten, keine Glühbirne einschrauben und kein Smartphone verwenden. Doch jenseits dieses auf der Hand liegenden Nutzens besitzt der Tastsinn große Bedeutung für unser emotionales und körperliches Wohlbefinden.

Lieber essen oder kuscheln?

Körperliche Nähe hält gesundEin Experiment aus den 1950er Jahren zeigt eindrucksvoll die Bedeutung von Berührungen. Der Psychologe Harry Harlow stellte Experimente mit Rhesusaffenbabys an, die er eine kurze Zeit lang alleine (ohne Eltern oder Spielkameraden) in einem Käfig ließ [1]. Danach stellte der Wissenschaftler die Affenbabys vor die Entscheidung, sich zwischen zwei ‚Müttern’ zu entscheiden. Bei beiden ‚Müttern’ handelte es sich lediglich um Gegenstände. Die eine ‚Mutter’ bestand dabei aus Draht, hatte dafür aber eine Flasche Milch an sich. Die andere ‚Mutter’ hatte keine Milch, dafür war sie aus weichem, kuscheligen Stoff. Wie würden sich die Affenbabys entscheiden? Würden sie sich für die lebensnotwendige Milch-Mutter entscheiden oder für die kuschelige Stoff-Mutter.

Der überwiegende Teil der Affenbabys entschied sich zur Verblüffung der Wissenschaftler für die Stoff-Mutter. Offensichtlich war es den Affenbabys wichtiger, das Gefühl körperliche Nähe und Geborgenheit zu spüren, als Nahrung in Form von Milch zu bekommen.

Erkältungen lindern durch Umarmungen

Zwar sind Menschen und Rhesusaffen nur bedingt vergleichbar, zahlreiche Experimente an Menschen – natürlich weniger drastischer – scheinen den grundsätzlichen Befund jedoch zu bestätigen, dass auch Menschen massiv unter sozialer Isolation leiden und gleichzeitig positiv auf körperliche Nähe reagieren. Wenn sich Menschen umarmen, wird das Hormon Oxytocin ausgeschüttet, das unter anderem gegen Stress wirkt. Zudem sinkt der Blutdruck und es wird  weniger Angst verspürt. Auch das Schmerzempfinden nimmt bei einer Umarmung ab.

Laut einer Studie aus dem Jahr 2014 an der Carnegie Mellon University können Umarmungen helfen, ohne Erkältung oder mit nur leichten Erkältungen durch den Winter zu kommen [2]. In der Studie wurden Studienteilnehmer zunächst u.a. danach befragt, wie oft sie andere Menschen umarmen. Anschließend wurden die 404 Studienteilnehmer mit einem gewöhnlichen Erkältungsvirus in Kontakt gesetzt. In der anschließenden Quarantäne wurde verfolgt, welche Studienteilnehmer in der Folge Erkältungssymptome aufwiesen. Es zeigte sich, dass jene Studienteilnehmer, die regelmäßig umarmen bzw. umarmt werden, signifikant seltener Erkältungssymptome zeigten, als jene, die nur selten in den Genuss einer Umarmung kommen. Sofern es trotz Umarmungen dennoch zu einer Erkältung kam, so waren die Symptome weniger stark ausgeprägt. Auch hier wird vermutet, dass Umarmungen das Stresslevel und somit die Wahrscheinlichkeit, sich zu erkälten, reduzieren.

Einsamkeit hat gravierende Folgen

Unser Gehirn und Köper dürstet nach BerührungenWir Menschen sind soziale Wesen, die sich nur dann dauerhaft glücklich fühlen, wenn sie andere Menschen um sich haben. In einer Übersichtsstudie zu dem Thema soziale Beziehungen und Gesundheit trugen die Wissenschaftler Louise Hawkley und John Cacioppo die Forschungserkenntnisse der letzten Jahre zusammen [3]:

  • Das Risiko, im jungen Erwachsenenalter an Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu leiden, ist höher bei Personen, die in Kindheit und Jugend einsam waren.
  • In einer Studie, in der Rentner untersucht wurden, konnte gezeigt werden, dass Einsamkeit der beste Prädiktor dafür ist, wie lange eine Person lebt.
  • Es besteht ein Zusammenhang zwischen Einsamkeit und Depression. Zwar ist nicht restlos geklärt, ob Einsamkeit Depression begünstigt oder umgekehrt. Einige Indizien sprechen jedoch dafür, dass Depression eine Folge von Einsamkeit ist.
  • Geistige Leistungen sind umso schlechter, je einsamer eine Person ist. So konnte eine Studie zeigen, dass das Risiko, an Alzheimer zu erkranken, bei Personen, die einsam sind, deutlich höher ist.

Massagen können Abhilfe schaffen

Auch Haustiere können dem Körper entspannen helfenVermutlich besteht ein starker Zusammenhang zwischen Berührungen und Einsamkeit. Doch was tun, wenn man Single ist und nicht unbedingt seinen Kollegen um den Hals fallen möchte? Da inzwischen 40% der Deutschen in Singlehaushalten wohnt, ist dies eine drängende Frage. Die gute Nachricht ist, dass Umarmungen und Berührungen nicht unbedingt von Menschen kommen müssen, mit denen man eine emotionale Beziehung verbindet. Insofern sind beispielsweise Massagen eine sinnvolle Investition. Auch Haustiere können nachweislich positive Effekte auf die Gesundheit haben, ähnlich denen, die durch den Umgang mit anderen Menschen entstehen [4].

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Quellen:

1: Blum, Deborah. Love at Goon Park: Harry Harlow and the Science of Affection. Perseus Publishing, 2002

2: Cohen, S., Janicki-Deverts, D., Turner, R., & Doyle, W. (2014). Does Hugging Provide Stress-Buffering Social Support? A Study of Susceptibility to Upper Respiratory Infection and Illness. Psychological Science, doi: 10.1177/0956797614559284

3: Hawkley, L. C., & Cacioppo, J. T. (2010). Loneliness Matters: A Theoretical and Empirical Review of Consequences and Mechanisms. Annals of Behavioral Medicine, 40(2), 218-227.

4: Allen, K., Shykoff, B., & Izzo Jr., J. L. (2001). Pet Ownership, but Not ACE Inhibitor Therapy, Blunts Home Blood Pressure Responses to Mental Stress. Hypertension, 38, 815-820.

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