Gastbeitrag Spiegel Job: Brüder, zur Wonne! Interview mit Prof. Paul Verhaeghe

Wie entsteht Stress im Beruf? Im Folgenden ein interessantes Interview mit Prof. Paul Verhaeghe über die Zusammenhänge und Hintergründe.
Das Interview führte Anne Haeming mit Paul Verhaeghe. Paul Verhaeghe, 58, ist Psychoanalytiker sowie Professor für klinische Psychologie in Gent. Er schrieb das Buch „Und ich? Identität in einer durchökonomisierten Gesellschaft“.

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Frage: Herr Verhaeghe, macht Arbeit krank?

Antwort: Ja, so wie heute gearbeitet wird, schon. Das ist wissenschaftlich bewiesen. Arbeit führt zu Stress, und Dauerstress schwächt das Immunsystem. Man ist anfälliger für alles: von Erkältung bis zu Tuberkulose, von Entzündungen bis zu psychischen Erkrankungen.

Frage: Stress kann viele Ursachen haben. Warum verteufeln Sie die Arbeit?

Antwort: 2000 haben wir für eine Studie depressive Patienten befragt. Wir dachten, sie hätten Beziehungsprobleme oder Essstörungen, typische Probleme des 20. Jahrhunderts. Aber dann berichteten 80 Prozent von massiven Problemen am Arbeitsplatz. Sie fühlten sich nicht wertgeschätzt, hatten Angst, ein geringes Selbstwertgefühl, waren verunsichert.

Frage: Wo sehen Sie die Ursachen?

Antwort: Unsere Identität speiste sich früher aus vielen Quellen: Glaube, Familie, Bildung, Heimat. Heute definieren wir uns über den Job. Die Norm heißt „Erfolg“, der außerdem finanziell und materiell sichtbar sein muss. Das nenne ich die Ökonomisierung der Identität. 30 Jahre neoliberale Ideologie haben unser Denken kolonisiert.

Frage: Was ist schlecht an Wettbewerb?

Antwort: Nichts. Solange wir miteinander arbeiten statt wütend und feindselig gegeneinander. Aber dieses Wirtschaftsmodell spielt Menschen gegeneinander aus und treibt sie in ein Klima von Angst und Aggression. Es zwingt uns, Individualisten zu sein. Jeder weiß, dass sein Output größer sein muss als der seines Kollegen. Es geht nur noch um Geld und Karriere und Quantität, ständig wird gemessen und verglichen, Kollegen werden zu Rivalen. Sogar Paare vergleichen heute, wer mehr verdient. Das ist doch übel!

Frage: Und wie kann ich mich schützen?

Antwort: Indem ich das klassische Machtprinzip dahinter er- kenne: Divide et impera, teile und herrsche. Dann kann ich versuchen, das System zu überwinden und mich mit Kollegen zusammenzutun. Sie sind doch alle in der gleichen Situation und müssen miteinander reden – über ihre Wünsche, die Arbeitskultur, das Verhältnis zu Vor- gesetzten. Genau das findet oft nicht mehr statt, weil Menschen befürchten: Wenn mein Kollege erfährt, wie es mir bei der Arbeit geht, stehe ich als Loser da. Sie wollen sich nicht angreifbar machen. Die Überwachungslogik hat sich geändert. Es ist nicht mehr der Oberaufseher, der vom Turm aus alle kontrolliert, heute über- wachen sich alle gegenseitig. Der Vorteil dieser Do-it- yourself-Kontrolle ist aber: Wir können sie auch allein ändern, am besten schon im Einstellungsgespräch.

Frage: Wie das?

Antwort:
Die junge Generation fängt langsam an, sich nicht mehr nur über den Job zu definieren. In den letzten 15 Jahren haben die jungen Leute gesehen, welche Folgen dieses Arbeitssystem auf Familien hat, wie es Beziehungen prägt. Sie kennen Burnouts und Menschen, die Antidepressiva schlucken. Sie haben keine Lust mehr auf eine 60-Stunden-Woche. Manche handeln gleich aus, wie lange sie arbeiten müssen und wie viele Urlaubstage sie bekommen. Das ist der richtige Weg.

Frage: Für den Einzelnen vielleicht – auch für Unternehmen?

Antwort: Ja, klar. Viele Studien bekräftigen, dass mehr Arbeitszufriedenheit zu mehr Produktivität und Effizienz führt. Wenn Menschen eigenständig entscheiden können, was sie wann und wo bearbeiten, erzielen sie bessere Ergebnisse. Das ist nicht in jedem Job gleichermaßen einfach, aber überall gilt: Je weniger starr der Job-Alltag strukturiert ist, desto größer der Output und desto niedriger der Krankenstand. Denn nichts macht kränker als Ohnmacht und Hilflosigkeit.

Frage: Mehr Freiheit mag ja bei Google oder ähnlichen Firmen funktionieren. Aber lassen sich so auch Autos bauen?

Antwort:
Ein Beispiel aus Schweden: Als Volvo die Fließbandarbeit umstrukturierte, organisierten sich die Teams selbst, die Arbeiter waren glücklicher. Das war auch des- halb möglich, weil die Offenheit gegenüber neuen Arbeitsstrukturen in Skandinavien größer und der Neoliberalismus dort nicht so stark verankert ist.

Frage: Google und Co. verwandeln Büros in Wohnzimmer und Spielplätze – eine Verführung für Mitarbeiter, mehr Zeit in der Firma zu verbringen. Ist das nicht auch gefährlich?

Antwort: Dass der Arbeitsplatz dem Zuhause ähnlich wird, ist keine gute Idee. Aber dort arbeiten viele junge Menschen, die keine Familie haben, dann ist es nicht so schlimm.

Frage: Moment, das finden Sie unproblematisch?

Antwort: Die Kreativbranche lässt sich kaum mit normalen Firmen vergleichen. Trotzdem können Verwaltungen sich etwas abschauen. Eine der größten belgischen Staatsbehörden wurde vor einigen Jahren umorganisiert: Die Angestellten haben keine fixen Büroplätze mehr, alle arbeiten mit Laptop und sind mobil. Nur zwei Tage pro Woche müssen sie noch im Büro sein, der Rest ist Home- Office. Was zählt, ist allein, wie viele Akten sie bearbeiten – nicht die Stunden, die sie am Schreibtisch sitzen.

Frage: Wie ist Ihre eigene Arbeit an der Uni organisiert?

Antwort: Da haben wir im Oktober einen großen Fortschritt erzielt. Seitdem werden Lehrende nicht mehr nur nach der Anzahl von Aufsätzen beurteilt und befördert. Statt- dessen legt jeder einen Plan für die nächsten vier Jahre vor, mit Veröffentlichungen, Konferenzen, Forschungsprojekten. Nur daran wird er gemessen. Plötzlich arbeiten Wissenschaftler hier viel mehr miteinander und kämpfen nicht so sehr gegeneinander um eine Stelle.

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Quellen:

Weitere Informationen zur neuen Ausgabe von"SPIEGEL Job" und das Computerspiel "Nine to five" gibt es auf www.spiegeljob.de"

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