Sie drehen beim Einparken das Radio leiser? Aus gutem Grund, wie Studien zeigen

Parklücke entdecken, abbremsen, Blinker setzen und Rückwärtsgang einlegen. Und: Radio leiser stellen. Wenn es Ihnen wie den meisten geht, passt Einparken und laute Musik einfach nicht zusammen. Aber wieso ist das so?

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Moderne Autos gleichen fahrenden Supercomputern, bis unters Dach sind sie mit Technik vollgestopft. Auch beim Parken greifen technische Helferlein Autofahrern heutzutage unter die Arme, indem beispielsweise der Abstand zum nächsten Auto visuell oder akustisch kommuniziert wird. Wie es scheint, wird das menschliche Handeln beim Autofahren immer mehr an den Rand gedrängt. Und müssen wir nicht zugeben, dass sich Menschen beim Autofahren tatsächlich überaus kurios verhalten? Wie sonst lässt sich erklären, dass die meisten automatisch das Radio leiser stellen, sobald es ans Einparken geht? Oder gibt es doch eine gute Erklärung für dieses Phänomen?

Hohe Anforderung ans Gehirn

Multitasken beim Autofahren ist gefährlichEs lohnt eine genauere Analyse des Parkvorganges. Während beim normalen Fahren lediglich der Verkehr im Auge behalten werden muss, muss bei der Parkplatzsuche zusätzlich der Straßenrand nach einer Parklücke abgesucht werden. Beim Einparken selbst werden hohe Anforderungen an das räumliche Denken und die Koordination verschiedener Bewegungsabläufe gestellt, durch das Rückwärtsfahren sind alle Anforderungen noch einmal schwieriger. Ist es also möglich, dass das Leisestellen des Radios lediglich in der höheren Anforderung beim Einparken, verglichen mit normalem Fahren, begründet liegt?

Multitasking

Leider haben sich Wissenschaftler noch in keiner Studie speziell diesem spannenden Phänomen angenommen. Antworten versprechen indes Forschungen zu unseren Multitasking-Fähigkeiten. Unter Multitasking wird die Fähigkeit verstanden, die Aufmerksamkeit zwischen verschiedenen Aufgaben zu teilen. Die Vielzahl technischer Gegenstände wie Smartphones, Fernseher, Tablets und Computer buhlen zu jedem Zeitpunkt um unsere Aufmerksamkeit, weswegen der Multitasking-Forschung heute eine große Bedeutung zukommt. Können wir also unsere Aufmerksamkeit so einfach zwischen verschiedenen Anforderungen aufteilen, sei es die Teilung zwischen Telefonieren und E-Mail-Schreiben oder die Teilung zwischen Einparken und Musikhören?

Multitasking mit tödlichen Folgen

Bei der Frage, wie gut wir unsere Aufmerksamkeit teilen können, geht es auch um Leben und Tod. Eine Analyse ergab, dass in den USA 28% aller tödlichen Autounfälle auf Telefonieren am Steuer zurückzuführen sind. Offensichtlich geht die Teilung der Aufmerksamkeit zu Lasten der Leistung bei den einzelnen Aufgaben. Doch wie stark ist der Effekt von Multitasking auf die Fahrleistung tatsächlich? Dieser Frage gingen die Wissenschaftler David Strayer und Jason Watson in einer Studie in London nach [1].

Autofahren, zuhören und rechnen

Gute Leistung nur bei ungeteilter AufmerksamkeitIn der Studie ließen die Wissenschaftler Studienteilnehmer zunächst in einem Fahrsimulator Auto fahren. Dabei wurde erfasst, wie sicher die Studienteilnehmer fuhren, beispielsweise anhand der Geschwindigkeit und des Abstands zum Vordermann. Nach der Eingewöhnungsphase begann das eigentliche Multitasking. Studienteilnehmer erhielten über ein Mobiltelefon Wörter präsentiert, die sie sich merken sollten. Zwischen der Darbietung der Wörter sollten Studienteilnehmer in unregelmäßigen Abständen zusätzlich noch Matheaufgaben lösen. Für sich genommen war jede dieser Aufgaben sehr einfach zu bewerkstelligen. Doch wie würden sich die Studienteilnehmer schlagen, wenn ihnen alle drei Aufgaben (fahren, merken, rechnen) gleichzeitig abverlangt werden?

Rapider Leistungsabfall

Während der Eingewöhnungsphase machte das Autofahren kaum Probleme. Umso gravierender waren die Mängel während des Multitaskings. Die Fahrsicherheit reduzierte sich dramatisch: 97 Prozent der Studienteilnehmer wiesen gravierende Fahrfehler auf. Die Ergebnisse zeigen, dass es auch bei vergleichsweise einfachen Tätigkeiten zu einem rapiden Leistungsabfall kommt, wenn Tätigkeiten kombiniert werden. Die Annahme, wir könnten mehrere Dinge gleichzeitig gewissenhaft erledigen, scheint nicht mehr als eine Illusion zu sein.

Wissen vs. Einsicht

Multitasking ist in vielen Jobs erforderlichÄhnlich wie bei anderen ungesunden Verhaltensweisen schützt jedoch das Wissen über unsere Unzulänglichkeiten beim Multitasking nicht, um die Finger vom Smartphone beim Autofahren zu lassen. Und gibt es nicht auch Menschen, denen Multitasking gelingt? Tatsächlich ließ in oben erwähnter Studie bei circa drei Prozent der Teilnehmer die Leistung während des Multitaskings in den einzelnen Aufgaben nicht nach, ihnen gaben die Wissenschaftler den Namen Supertaskers. Wenn Sie nun denken, dass Sie zu den drei Prozent Supertaskers gehören, müssen wir Sie enttäuschen. In einer weiteren Untersuchung gingen David Strayer und der Sozialpsychologe David Sanbomnatsu der Frage nach, wie sich die tatsächliche Multitasking-Leistung einer Person mit der von ihr selbst vermuteten Leistung verhält [2]. Die Wissenschaftler entdeckten einen negativen Zusammenhang: Je höher die vermutete Leistung ist, desto niedriger ist die tatsächliche.

Um nun endlich die eingangs gestellte Frage zu beantworten: Vermutlich drehen wir das Radio beim Einparken herunter, da wir intuitiv merken, dass es unsere Konzentrationsfähigkeit übersteigt, gleichzeitig mit lauter Musik beschallt zu werden und im Rückwärtsgang den Weg in eine enge Parklücke zu finden. Dieses vermeintlich kuriose Verhalten ist in Wirklichkeit somit überaus vernünftig.

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Quellen:

1: Watson, J. M., & Strayer, D. L. (2010). Supertaskers: Profiles in extraordinary multitasking ability. Psychonomic Bulleting & Review, 17(4), 479-485.
2: Sanbonmatsu DM, Strayer DL, Medeiros-Ward N, Watson JM (2013) Who Multi-Tasks and Why? Multi-Tasking Ability, Perceived Multi-Tasking Ability, Impulsivity, and Sensation Seeking. PLoS ONE 8(1): e54402. doi:10.1371/journal.pone.0054402

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