Wenn das Gehirn trauert

Wenn furchtbare Tragödien geschehen, gehen manche Betroffenen daran zugrunde. Andere stecken die Erfahrungen scheinbar ohne seelische Folgen weg. Woran liegt das?

Training starten

‚Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.’

Der berühmte erste Satz von Leo Tolstois Anna Karenina lässt sich auch auf von Schicksalsschlägen getroffene Menschen übertragen. Ob nach Terroranschlägen, bei Tod oder Krankheit von Angehörigen, bei eigener Krankheit oder bei schrecklichen Naturkatastrophen – die Art der Bewältigung ist mannigfaltig. Manche Menschen fallen sofort in eine tiefe Depression, bei anderen setzt die tiefe Traurigkeit erst zeitverzögert ein; wieder andere leiden den Rest ihres Lebens unter den Folgen. Und dann gibt es noch Menschen, die scheinbar ohne große seelische Folgen schon nach kurzer Zeit wieder zur Tagesordnung übergehen.

4 verschiedene Typen

Depression kann Folge eines Schicksalsschlages seinWieso Menschen so unterschiedlich auf Schicksalsschläge reagieren, ging der Wissenschaftler George Bonanno nach [1]. Er stand dabei vor der Herausforderung sicherzustellen, dass alle Untersuchten einen in etwa gleichen Schicksalsschlag erlitten hatten. Nur dadurch kann gewährleistet werden, dass ein Vergleich verschiedener Personen aussagekräftig ist. George Bonanno löste das Problem, indem er Personen untersuchte und befragte, die die Terroranschläge vom 11. September 2001 aus unmittelbarer Nähe erlebt hatten. Er befragte und untersuchte die Betroffenen über einen Zeitraum von zwei Jahren. Seine Untersuchungen ergaben, dass es vier unterschiedliche Typen der Verarbeitung eines Schicksalsschlags gibt:

1. Der chronische Typ (29 Prozent der Befragten): Dieser Typ der Krisenbewältigung zeichnet sich dadurch aus, dass dauerhafte psychische oder seelische Schädigungen in Folge eines Schicksalsschlages auftreten. Konkret zeigte diese Gruppe auch noch nach zwei Jahren erhebliche Belastungen.
2. Der genesene Typ (23 Prozent der Befragten): Die Gruppe der Genesenen zeichnet sich dadurch aus, dass sie sich innerhalb von zwei Jahren von ihren anfänglichen Symptomen, die Folge der Terroranschläge waren, erholten.
3. Der verzögerte Typ (13 Prozent der Befragten): Der verzögerte Typ hatte zunächst keine schwerwiegenden Symptome. Nach einiger Zeit traten Symptome dann doch auf, daher die Bezeichnung ‚verzögerter Typ’. Die Zeit, die zwischen den Anschlägen und dem Eintreten der Symptome verging, variiert zwischen einigen Tagen bis hin zu mehreren Monaten.
4. Der resiliente Typ (35 Prozent der Befragten): Es mag verwunderlich klingen, doch die größte Gruppe ist die des sogenannten resilienten Typen. Unter Resilienz verstehen Psychologen eine Art psychischer Widerstandskraft, die es einer Person erlaubt, auch mit schwerwiegenden Schicksalsschlägen fertig zu werden. Konkret bedeutet dies, dass diese Gruppe in Folge der Terroranschläge des 11. Septembers keine oder nur sehr leicht ausgeprägte Symptome aufwies.

Der Mandelkern entscheidet

Verschiedene Arten mit Schicksallschlägen umzugehenDoch woran liegt es, ob eine Person unter den Folgen leidet (Typen 1 bis 3) oder Katastrophen ohne Weiteres wegsteckt (Typ 4)? Wie es scheint, spielt der sogenannte Mandelkern (auch Amygdala genannt) im Gehirn eine wesentliche Rolle. Der Mandelkern ist dafür verantwortlich, zu beurteilen, ob sich in der Umwelt Gefahren befinden, und gegebenenfalls Alarm zu schlagen. Dieser Mechanismus ist überaus hilfreich, schließlich beschützt er uns zuverlässig vor Gefahren. Doch kann der Mandelkern auch überempfindlich reagieren und auch dann das Signal ‚Gefahr’ kommunizieren, wenn die Umwelt harmlos ist. Menschen, deren Mandelkern übersensibel ist, haben folglich ein höheres Risiko mit starken Symptomen unter Schicksalsschlägen zu leiden.

Freundschaften helfen

Freundschaften sind ein Baustein der TrauerbewältigungNatürlich hängt die Wahrnehmung unserer Umwelt auch im starken Maße von sozialen Faktoren ab. Konkret bedeutet dies, dass Menschen, die ein reges Sozialleben, bestehend aus Familie, Freunden und Kollegen aufweisen, weniger stark unter traumatischen Erlebnissen leiden. Der Grund dafür ist, dass Menschen, die sich einsam fühlen, dazu neigen, ihre Umwelt als ihnen feindlich gesinnt wahrzunehmen [2]. Bei diesen Menschen ist der Mandelkern einer dauerhaften Belastung ausgesetzt. Kommt dann noch ein Schicksalsschlag hinzu, wirft es diese Menschen oftmals dauerhaft aus der Bahn. Natürlich helfen soziale Beziehungen zudem darin, Unterstützung in der Zeit nach einem Schicksalsschlag zu erhalten. 

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die meisten Menschen Schicksalsschläge überraschend gut verkraften. Dabei helfen uns soziale Beziehungen, zum einen unsere Umwelt generell als weniger bedrohlich wahrzunehmen und daher weniger leicht aus der Bahn geworfen zu werden; zum anderen dienen sie als unterstützendes Netzwerk in den Stunden der Not.

Training starten

Quellen:

1: Bonanno, G. A. (2004). Loss, trauma, and human resilience: Have we underestimated the human capacity to thrive after extremely adverse events? American Psychologist, 59, 20-28.

2: Hawkley, L. C., & Cacioppo, J. T. (2010). Loneliness Matters: A Theoretical and Empirical Review of Consequences and Mechanisms. Annuals of Behavioral Medicine.

Anmelden

Sign in with Google