Wie entsteht eigentlich Schmerz?

Phantomschmerz, chronischer Schmerz und Schmerzgedächtnis - in den letzten 50 Jahren hat sich unser Verständnis von Schmerz grundlegend gewandelt. Wovon unser Schmerzempfinden bestimmt wird.

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Nichts ist sicher vor wissenschaftlichem Fortschritt – nicht einmal Schmerz. Vor ein paar Jahrzehnten noch galt das Phänomen Schmerz als geklärt. Das Gewebe werde gereizt, dieser Reiz werde zu einem Signal, das über das Rückenmark bis ins Gehirn weitergeleitet werde. Der dort eintreffende Reiz löse das Schmerzempfinden aus. Schmerz sei sinnvoll, da er es ermögliche, das Verhalten dergestalt anzupassen, dass der schmerzauslösende Reiz vermieden werden kann.

Es gibt nicht den einen Schmerz

So einleuchtend diese Theorie auch klingen mag, vielen Phänomene sind Auch Sport kann schmerzendadurch nicht erklärbar. Wie ist beispielsweise Phantomschmerz, bei dem ein amputiertes Körperteil schmerzt, zu erklären? Wie das sogenannte Schmerzgedächtnis, bei dem es zu Schmerzen kommt, auch wenn der schmerzauslösende Reiz längst beseitigt ist? Und wie ist es erklärbar, dass es Rituale gibt, bei denen Menschen aktiv Schmerz suchen, zum Beispiel beim Gehen über Kohle? Der Verdacht liegt nahe: Schmerz ist nicht nur eine objektiv messbare Reaktion auf eine Reizung des körperlichen Gewebes, sondern in gleichem Maße eine subjektive Empfindung.

Das Tor zum Bewusstsein

Die Wissenschaftler Ronald Melzack und Patrick Wall revolutionierten die damals vorherrschende Meinung, wonach Schmerz lediglich der Ausdruck eines objektiv messbaren Reizes ist. Sie und in der Folge weitere Wissenschaftler bezogen in die Erklärung von Schmerz Faktoren wie Erfahrung, Kontext und psychisches Befinden genauso ein wie die eigentliche Stärke eines Reizes. Sie wurden in Ihren Forschungen auf das sogenannte Hinterhorn im Rückenmark aufmerksam. Obwohl diese Struktur nicht im Gehirn angesiedelt ist, wird ihre Funktionsweise dennoch durch Erfahrungen, die im Gehirn abgespeichert werden, bestimmt. Ist ein Schmerzreiz bereits als solcher bekannt und wird als harmlos eingestuft, überträgt besagtes Hinterhorn den Reiz nur mit geringerer Intensität weiter.

Vom Reiz zur Wahrnehmung

Vom Hinterhorn gelangt der Reiz bis zum sogenannten Thalamus, auch Tor zum Bewusstsein genannt. Der Reiz wird sodann in den primären sensorischen Kortex weitergeleitet, wo die Stärke des Reizes bestimmt wird. Außerdem gelangt der Reiz in zwei weitere Areale, die den Reiz emotional bewerten. Im Anschluss gelangen die Informationen in den Schmerz entsteht im Kopfpräfrontalen Kortex. Erst dort wird uns der Reiz bewusst. Erst dort entscheiden wir, wie mit dem Reiz umzugehen ist, und ob gegebenenfalls Handeln nötig ist. Die Zusammenführung der vielen Informationen wird auch Neuromatrix genannt. Diese moderne Sichtweise auf Schmerz wird als biopsychosoziales Modell bezeichnet. Diese Sichtweise erlaubt auch zu verstehen, wieso sich Trauer oder Liebeskummer ebenfalls wie Schmerz anfühlt, obgleich es zu keiner objektiv messbaren Reizung von Gewebe kommt.

Wenn die Neuromatrix Probleme macht

In diesem System kann es jedoch zu Fehlern kommen. So kann es geschehen, dass sich beispielsweise aufgrund von bestimmten Das Gehirn entscheidet was Schmerz istErlebnissen ein dauerhaftes Muster einstellt. Das Gehirn zeichnet in diesen Fällen ein düstereres Bild, als es der Realität entspricht. In diesen Fällen ist die Empfindung von Schmerz losgelöst vom tatsächlichen Reiz. Die gängigen Schmerzmittel sind dann wirkungslos, schließlich ist es kein objektiver Reiz, der betäubt werden kann. Abhilfe können Schmerzkliniken schaffen, die interdisziplinär arbeiten, die also die vielen Komponenten von Schmerz in die Betrachtung einfließen lassen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass entgegen der ursprünglichen Annahme Schmerz nicht lediglich eine Empfindung ist, die durch einen objektiv messbaren Reiz ausgelöst wird, sondern im gleichen Maße durch Aspekte wie Vorerfahrung und den Kontext, in dem ein Reiz auftritt, mitbestimmt wird.

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Quellen:

Melzack, R. & Wall, P. D. (1965). Pain Mechanism: A new theory. Science, 150 (3699), 971-979.

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