Wieso das Feuerwerk an Silvester zu unseren Gehirnen passt

Zu einer gelungenen Silvesterparty gehört für die meisten Menschen ein prächtiges Feuerwerk. Dieses Ritual ist fest verankert in unserem kollektiven Verständnis. Natürlich erklärt sich ein großer Teil der Faszination von Menschen für Feuerwerk durch das beeindruckende Spektakel am nächtlichen Himmel.  Doch wieso ist ausgerechnet an Silvester Feuerwerk Tradition und nicht auch an Ostern, Pfingsten oder Weihnachten?

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Das Besondere an Silvester ist, dass Menschen typischerweise Bilanz über das letzte Jahr ziehen und Pläne und Vorsätze für das kommende Jahr schmieden. Unsere Gedankenwelt befasst sich mit den großen Fragen unseres Lebens. Typisch für solche Fragen sind Inhalte, die sich mit unseren Idealen beschäftigen: ein gesünderes Leben einschlagen, erfolgreicher im Beruf werden, glücklicher in der Partnerschaft leben oder etwas für die eigene Bildung tun. Eine weitere Besonderheit dieser Fragen ist, dass sie sich auf die weite Zukunft, zumindest aber auf das kommende Jahr erstrecken.

Der Einfluss von Distanz auf unsere Gedanken

Eine Teildisziplin der Sozialpsychologie erforscht, welche Besonderheiten mit einer solchen Gedankenwelt einhergehen. Von besonderem Interesse für diese Teildisziplin ist, inwiefern wahrgenommene Distanz das Entstehen einer oben beschriebenen Gedankenwelt begünstigen kann. Umgekehrt interessiert sie, ob wiederum eine solche Gedankenwelt eine Vorliebe für große Distanzen auslösen kann (für Wissbegierige: Diese Theorie heißt Construal-Level-Theory). Das Konzept mag verwirrend klingen, folgendes Experiment verdeutlicht den Ansatz.

Vorlesung morgen oder in einem Jahr

Studienteilnehmer wurden in zwei Gruppen unterteilt. Beiden Gruppen wurde ein Text mit einem Szenario vorgelegt. In diesem Szenario wurde folgende Situation beschrieben:
„Stellen Sie sich vor, zwei Gastprofessoren kommen an Ihre Universität. Der eine Professor hält eine Vorlesung über Entscheidungsprozesse in Unternehmen, der andere über Dateneingabe. Während die Vorlesung Attraktiver oder idealer Kursüber Entscheidungsprozesse an einem Tag ist, an dem Sie einen recht vollen Stundenplan haben, ist die Vorlesung über Dateneingabe an einem Tag, an dem Sie sonst keine Verpflichtungen haben. Um das Semester zu bestehen, müssen Sie eine der beiden Vorlesungen besuchen. Welche Vorlesung würden Sie lieber besuchen?“
Die Wahl zwischen den beiden Optionen ist demnach ein Dilemma zwischen interessant und dafür unpraktisch (‚Entscheidungsprozesse in Unternehmen‘ ist ein interessantes Thema, der Termin jedoch unpassend, da er nicht gut in den Stundeplan passt) und langweilig und dafür praktisch (‚Dateneingabe‘ ist zwar langweilig, aber praktisch, da der Kurs gut in den Stundenplan passt).

Praktisch versus ideal

Gleichzeitig galt: Der einen Gruppe wurde mitgeteilt, dass die erste Vorlesung bereits am nächsten Tag stattfindet. Der anderen Gruppe hingegen, dass die Vorlesung erst in einem Jahr beginnt. Die Folgen der Entscheidung sind demnach entweder zeitlich nah beziehungsweise zeitlich weit entfernt.
Die Ergebnisse waren eindeutig. Wenn die Konsequenzen weit entfernt sind (in einem Jahr), entschied sich die Mehrheit der Teilnehmer für die interessante Alternative. Wenn die Folge zeitlich unmittelbar bevorstand (am nächsten Tag), entschied sich die Mehrheit für die langweiligere, dafür aber praktischere Variante.
Die Autoren schlussfolgern daraus, dass Menschen die Attraktivität (und die damit einhergehenden Ideale) von Inhalten wichtiger ist, wenn sie zeitlich oder räumlich weiter entfernt sind. Im Gegensatz dazu sind die Umsetzbarkeit und praktische Erwägungen wichtiger, wenn die Inhalte zeitlich oder räumlich unmittelbar bevorstehen.

Morgen ist das Praktische wichtig, in der Zukunft das Ideale

Sie können sich dieses Phänomen an folgendem Beispiel verdeutlichen: Nach dem idealen Leben strebenSie buchen 3 Monate im Voraus einen Urlaub und jemand fragt Sie, was Sie sich von Ihrem Urlaub erhoffen. Sie werden dazu tendieren, zu sagen, dass Sie Ihre Seele baumeln lassen wollen, interessante Menschen kennenlernen möchten oder schöne Landschaften erkunden werden. Allesamt Aspekte, die mit Wünschbarkeit und Idealen zusammenhängen.

Werden Sie hingegen einen Tag vor der Abreise gefragt, so fällt Ihre Antwort wahrscheinlich anders aus. Es stehen dann überwiegend praktische Erwägungen im Vordergrund. Sie würden vermutlich antworten, dass Sie hoffen, dass der Flug pünktlich, dass das Hotel sauber und das Frühstücksbuffet reichlich ist. Allesamt sehr konkrete und praktische Aspekte.
Doch was hat das mit Silvester zu tun? Da Ideale an Silvester eine große Rolle spielen, tendieren wir in dieser Silvester-Gedankenwelt dazu, größere Distanzen (zeitlich, räumlich) zu bevorzugen. Genau das passiert um In die Ferne schweifenMitternacht: Menschen schauen zum Himmel und bewundern das Feuerwerk. Je höher und größer das Feuerwerk, desto eindrucksvoller. Entscheidend dabei ist,  dass der Blick in die Ferne schweift und Distanz zwischen dem Betrachter und dem Feuerwerk ensteht.
Versuchen Sie das nächste Mal, wenn Sie das neue Jahr feiern, einmal Ihre Gedanken zu verfolgen, während Sie den von Feuerwerk erleuchteten Himmel bewundern.

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Quellen:

Trope, Y., & Liberman, N. (2010). Construal-Level Theory of Psychological Distance. Psychological Review, 117(2), 440-463

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