Zur Brain Awareness Week 2018: Interview mit Prof. Dr. rer. med. Luck

Als offizieller Partner der jährlich stattfindenden Brain Awareness Week wollen wir zu der Aufklärungsarbeit dieser weltweiten Kampagne das ganze Jahr über so viel wie möglich beitragen. Heute präsentieren wir Ihnen ein spannendes Interview mit Prof. Dr. rer. med. Luck von der Hochschule Nordhausen, Fachbereich Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Professur für Sozialpsychiatrie.

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NeuroNation: Sie haben zahlreiche Studien zur Früherkennung von Demenz durchgeführt und zählen somit zu den Experten in der Demenzforschung. Was wissen wir bereits über die Ursachen von Demenz?

Dr. Luck: Eine Demenz kann viele verschiedene Ursachen haben. Die wenigsten Demenzen sind auf nur eine Ursache zurückzuführen, sondern entstehen durch ein Zusammenspiel von mehreren Risikofaktoren. Hierzu zählen sowohl genetisch-biologische Faktoren als auch Lebensstil-bezogene Faktoren, wie beispielsweise Tabakkonsum, Ernährung, Sport oder geistig-mentale Aktivität. Dies trifft beispielsweise auch für die häufigste Demenzform – die Demenz vom Alzheimer-Typ mit spätem Beginn ab dem 65. Lebensjahr zu.

Auch wenn bei der Alzheimer-Erkrankung vieles in den Mechanismen und Ursachen, die dann letztendlich zu einer Demenz führen, noch unklar ist, so zeigt sich in epidemiologischen und klinischen Studien doch deutlich ein Einfluss sowohl der genetisch-biologischen Faktoren als auch der Lebensstil-bezogenen Faktoren auf Erkrankungsbeginn und -risiko.

NeuroNation: Demenzkrankheiten werden oft mit zunehmendem Alter assoziiert. Aber können auch junge Leute betroffen werden?

Dr. Luck: Ja, auch jüngeren Leute können betroffen sein, wenngleich hier i. d. R. andere Demenzformen vorliegen. Hierzu zählen beispielsweise die Demenz bei Huntington-Krankheit oder die Demenz vom Alzheimer-Typ mit frühem Beginn, d. h. vor dem 65. Lebensjahr. Diese Formen sind leider sehr stark durch genetische Faktoren determiniert und in ihrem Verlauf wenig bis gar nicht beeinflussbar, kommen jedoch zum Glück nur sehr selten vor. Die meisten Demenzfälle treten erst im späteren Alter ab dem 65. Lebensjahr auf.

Neben der Demenz vom Alzheimer-Typ mit spätem Beginn ist hier auch die Gruppe der vaskulären Demenzen zu nennen, die beispielsweise durch Hirninfarkte bzw. Blutungen hervorgerufen werden. Auch diese vaskulären Demenzen treten i. d. R. erst im höheren Lebensalter auf.

Sowohl bei der Alzheimer-Demenz mit spätem Beginn als auch bei der Gruppe der vaskulären Demenz ist jedoch zu beachten, dass erste leichte Anzeichen – hier macht unter anderem die Bildgebung des Gehirns enorme Fortschritte – oder auch erste leichte Symptome, wie erste ganz subtile Leistungsveränderungen in standardisierten kognitiven Tests, schon früher im Leben, d. h. vor dem 65. Lebensjahr, auftreten können. Auch sind jüngere Leute natürlich insofern betroffen, dass sie mit ihrem – über dann ja Jahrzehnte gelebten – Lebensstil ihr Demenzrisiko im Alter zum Teil erheblich positiv oder negativ mit beeinflussen können.

NeuroNation: Wie kann man sein Gehirn vor den Folgen des Alterns schützen und eventuell auch das Demenzrisiko senken?

Dr. Luck: Wie erwähnt, spielen bei den meisten Demenzformen sowohl genetisch-biologische als auch Lebensstil-bezogene Faktoren eine Rolle. Während niemand seine Gene beeinflussen kann und einzelne Menschen hier leider sehr ungünstige Voraussetzungen haben und entsprechend wenig tun können, besteht für die meisten Menschen die Möglichkeit, dass eigene Demenzrisiko durch den Lebensstil mit beeinflussen zu können.

So konnten Studien beispielsweise zeigen, dass niedrige Bildung, körperliche Inaktivität, Rauchen, Diabetes mellitus, Adipositas, d. h. starkes Übergewicht, und Bluthochdruck im mittleren Lebensalter einen nicht zu vernachlässigten Einfluss auf den Erkrankungsbeginn und das Erkrankungsrisiko von Demenz haben können. Gleiches gilt auch für den Einfluss von Ernährung und geistig-mentaler Aktivität. Bei der Ernährung geht es hierbei weniger um die mögliche schützende oder schädliche Wirkung einzelner Komponenten, sondern vielmehr um die Ernährung einer Person als Ganzes. Eher günstig ist beispielsweise die sogenannte mediterrane Ernährungsform mit viel Obst, Gemüse, frischem Fisch, Olivenöl, wenig Fleisch und gesättigten Fettsäuren. Aktuelle Studien verdeutlichen auch noch einmal stark die schädigende Wirkung von Alkohol.

Hinsichtlich der geistig-mentalen Aktivität zeigen sich positive Effekte von anregenden, geistig-fordernden Aktivitäten – sowohl in der Freizeit als auch im Beruf. Nicht zu vernachlässigen ist hierbei auch die Bedeutung von sozialer Aktivität, welche ebenfalls ein gutes Training des Gehirns darstellen kann. Gut ist natürlich, wenn man nicht nur einen der genannten Faktoren berücksichtigt, sondern möglichst viele. Dabei ist mir noch einmal wichtig zu betonen, dass es eher nicht darum geht, eine Demenz durch eine Lebensstilanpassung ganz vermeiden zu können, sondern vielmehr den Erkrankungsbeginn im Alter zu verzögern, was letztlich ein Gewinn an gesunden Lebensjahren bedeutet.

NeuroNation: Dieses Interview führen wir im Rahmen der internationalen Brain Awareness Week durch. Das Ziel dieser Initiative ist es, die Wichtigkeit der Gehirnforschung im Bewusstsein der Öffentlichkeit zu etablieren. Welche Fragen in der Demenzforschung müssen noch beantwortet werden, damit wir lernen, wie man Demenz vorbeugen oder sie sogar heilen kann?

Dr. Luck: Es braucht Anstrengungen auf allen Ebenen. Hierzu zählt die Grundlagenforschung, da wir beispielsweise, wie gesagt, die Ursachen und Wirkmechanismen bei der so bedeutsamen Alzheimer-Erkrankung immer noch nicht gut verstanden haben.

Hierzu zählt auch die wichtige Suche nach neuen medikamentösen Behandlungs- und Präventionsmethoden. Der Erfolg ist hier natürlich eng mit dem Erfolg der Grundlagenforschung verbunden. Und hierzu zählt natürlich auch eine verstärkte Untersuchung des Einflusses der genannten und weiteren Lebensstilfaktoren. Hier ist mir persönlich einiges noch zu unspezifisch, so beispielsweise zu der Frage: Welche spezifischen körperlichen oder geistig-mentalen Aktivitäten haben einen besonders hohen Einfluss und was sind die zugrunde liegenden Mechanismen?

NeuroNation: Herzlichen Dank für das Interview, Herr Dr. Luck.

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